von Christian Tischner, Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine außergewöhnliche Politikerin, eine leidenschaftliche Demokratin und eine prägende Persönlichkeit für gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Kultur. Mit ihrem Engagement und ihrer Lebensleistung zählt sie zu den bedeutendsten und bekanntesten Politikerinnen der Bundesrepublik Deutschland – und sie war Vorbild und Vorkämpferin für Generationen.
Ihr Weg in die Politik war bewusst ein anderer. Als Erziehungswissenschaftlerin und Seiteneinsteigerin machte Rita Süssmuth nicht aus parteipolitischen Routinen heraus Politik, sondern aus wissenschaftlicher Analyse und gesellschaftlicher Verantwortung. Bildung, Erziehung und Lernen verstand sie nie als Randthemen, sondern als Fundament einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Früh erkannte sie: Wer gesellschaftliche Entwicklungen analysiert, darf sich politischer Verantwortung nicht entziehen.
Rita Süssmuth war in ihren Analysen und politischen Konsequenzen ihrer Zeit oft Jahrzehnte voraus. Sie setzte sich konsequent für eine moderne Familien- und Frauenpolitik, für Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe ein. Ebenso bahnbrechend war ihr Einsatz in der AIDS-Politik: Statt Ausgrenzung und Stigmatisierung setzte sie auf Wissen, Prävention und Solidarität – und schuf damit die Grundlage für eine erfolgreiche HIV-Präventionspolitik in Deutschland. Sie benannte als eine der Ersten die Herausforderungen des demografischen Wandels ebenso klar wie die Notwendigkeit einer gesteuerten, verantwortungsvollen Zuwanderung.
Als Wissenschaftlerin wusste sie um die Kraft von Bildung – nicht nur in jungen Jahren, sondern über das gesamte Leben hinweg. Das lebenslange Lernen war für sie kein Schlagwort, sondern ein politischer Auftrag. Als Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes stärkte sie die Volkshochschulen als Orte demokratischer Bildung, kultureller Teilhabe und gesellschaftlicher Verständigung. Sie verstand Bildung immer auch als kulturelle Praxis – als Voraussetzung für Mündigkeit, Dialogfähigkeit und demokratische Verantwortung.
Besonders am Herzen lag ihr die Anerkennung der Lebensleistung der Menschen in Ostdeutschland. Sie setzte sich früh für diejenigen ein, deren Biografien durch Arbeitslosigkeit und Strukturbrüche nach der Wiedervereinigung erschüttert wurden. Ihr Einsatz für die Kumpel in Bischofferode steht exemplarisch für ihre Haltung: zuhören, hinschauen, Partei ergreifen für die Betroffenen. Thüringen hat sie immer wieder besucht – im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern ebenso wie mit Bildungs- und Kultureinrichtungen.
Auch kulturpolitisch setzte Rita Süssmuth bleibende Akzente. Als erste Schirmherrin des Kinder-Medien-Festivals Goldener Spatz würdigte sie früh die Bedeutung von Medienbildung, kultureller Teilhabe und hochwertiger Angebote für Kinder und junge Menschen – Themen, die heute aktueller sind denn je.
Als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit unter Helmut Kohl war Rita Süssmuth eine entschlossene Gestalterin. Als Präsidentin des Deutschen Bundestages prägte sie das Amt wie kaum eine andere – durch eine integre, sachliche und überparteilich verbindende Amtsführung. Sie verstand das Parlament als Ort des demokratischen Lernens, des Streits in Respekt und der gemeinsamen Verantwortung für das Gemeinwesen.
Auch in ihren späteren Jahren blieb sie eine wache, mahnende Stimme. Sie warnte früh vor den Gefahren von Populismus, politischer Gleichgültigkeit und der Erosion demokratischer Werte – und erinnerte daran, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit, sondern eine kulturelle Leistung ist, die immer wieder neu erlernt und verteidigt werden muss.
Für mich persönlich war Rita Süssmuth eine Unterstützerin, Ratgeberin und ein Vorbild. Mein erstes Treffen mit ihr als 15-Jähriger hat mein Interesse an Politik nachhaltig geprägt. Immer wieder war sie mir Ermutigerin und verlässliche Begleiterin. Ihr Rat, dranzubleiben – gerade wenn es schwierig wird –, bleibt mir Verpflichtung. Ihr eigenes Lebensmotto, einmal mehr aufzustehen als hinzufallen, hat sie gelebt.
Rita Süssmuth ist oft aufgestanden – für die Menschen und für unsere Demokratie.
Das wird bleiben.
Danke, liebe Rita Süssmuth.